Walter Bernhard-Müller

Geb.:  31.12.1944

Kinder: 1 Tochter, 1 Sohn, 6 Grosskinder; unser Sohn Pius ist mit 19 ½ Jahren bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt

Schulen: Primar- und Sekundarschule in Rothenburg und Emmen

Ausbildung: Kaufmännische Berufsschule in Luzern; div. Weiterbildungen im EDV Bereich

pensioniert

Interview von Ruth von Matt mit Walter Bernhard vom 14. Oktober 2019

 

Walter, erzähl uns doch bitte von deinem Leben und wie das Hören und Nicht-Gut-Hören darin vorkommen.

Ende Jahr werde ich 75 Jahre alt und wohne um die 20 Jahre im St. Martin. Meine Frau Hanny, die seit ungefähr 50 Jahren Parkinson Patientin ist, lebt seit 5 ½ Jahren im Heim des Alterszentrums. Ich wohne nun in einer 2 Zimmerwohnung im Korporationsblock daneben.

Item. Die Krankheit meiner Frau hat sich über die Jahre hinweg immer verschlechtert. Ich leitete über 10 Jahre die Parkinson-Selbsthilfegruppe in Sursee. Es war uns wichtig, andere Beteiligte kennen zu lernen und auszutauschen. Das war hilfreich und unterstützend.

Auch ich habe meine gesundheitlichen «Baustellen». Nebst der Hörverminderung habe ich Diabetes und hatte innerhalb der letzten 3 Jahre 2 Fussoperationen. Mit dem Gehen mache ich Fortschritte und trainiere nun gezielt, auch ohne Rollator unterwegs zu sein. In einem Monat wird in unserem Haus die Liftanlage erneuert. Dann ist es nötig, dass ich das Treppensteigen bewältigen kann. So gehe ich zur Bäckerei ins Städtchen oder zur Bank ohne Rollator und habe nun vor, mit dem Bus mal zum Bahnhof zu fahren und zurück zu gehen. Ich will dranbleiben und meine Muskeln wiederaufbauen.

Seit 15 Jahren bin ich pensioniert, frühpensioniert. Ich arbeitete als Büroangestellter im Eidgenössischen Zeughaus in Sursee. Davor war ich als Disponent während vieler Jahre in der Calida AG in Sursee tätig.

 

Walter, wann und wie hast du bemerkt, dass sich dein Hörvermögen verändert hat?

Ich kann nicht genau sagen, wann ich die ersten Hörgeräte erhielt. Das sind sicher 20-25 Jahre her. Beim Telefonieren im Geschäft hatte ich bemerkt, dass ich nicht mehr alles gut hörte. Bei Hörtests stellte sich heraus, dass ich etwas machen musste. Die damaligen Hörgeräte konnte man lauter oder leiser stellen. Sie hatten aber keinesfalls die technischen Finessen, wie sie heutige Geräte aufweisen. Ich erhielt dann zum Telefonieren ein Zusatzgerät, das ich mir um den Hals hängen konnte. Dies verbesserte mein Hören und Verstehen am Telefon.

Meine heutigen Geräte sind super. Ich schätze auch besonders, dass gewisse Gebäude über Induktionsschleifen oder Telefonspulen verfügen. So überträgt sich der Schall direkt auf meine Hörgeräte. Ich höre zum Beispiel in Kirchen oder in der Abdankungshalle in Sursee alles sehr gut. 

Die gesamte Hörbranche hat in den letzten Jahren eine riesige Entwicklung erfahren. Eindrücklich sind all die Hörtests, die dir auch visuell zeigen, wie sich dein Hörverlust genau zusammensetzt, welche Töne dir Schwierigkeiten machen. Das ist genial.

 

Was bedeutet für dich das Hören?

Das Hören bedeutet für mich eine bessere Lebensqualität. Das ist unumstritten. Das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um «dabei zu sein». Beim Fernsehen habe ich auch ein Gerät, das mir den Ton direkt auf die Hörgeräte übermittelt. Das ist äusserst hilfreich. 

Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in welchen das Hören schwierig ist. Diskussionssendungen, wo schnell durcheinander gesprochen wird, sind für mich beispielsweise kaum zu verstehen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass die Diskussionsteilnehmer einander ins Wort fallen und den Anstand oft vermissen lassen. Das führt dann manchmal dazu, dass ich den Sender wechsle.

 

Hat deine Hörbehinderung dein Verhalten verändert? 

Als mein Hörakustiker erklärte, dass es notwendig sei, dass ich Hörgeräte trage, war das einerseits eine Erleichterung. Zu wissen, was der Grund für meine Schwierigkeiten war, das empfand ich als hilfreich. So konnte ich aktiv etwas dagegen tun. Andererseits war ich um die 50 und dachte: «Hörgeräte benötigen alte Leute. Bin ich jetzt alt?» Ich kam mir komisch vor, dass ich schon so früh auf die Geräte angewiesen war. Es war für mich nicht leicht, dies zu akzeptieren. 

Hat dir etwas geholfen, dass du das Tragen von Hörgeräten akzeptieren konntest?

Nach der Pensionierung habe ich für knapp 13 Jahre SOS Fahrdienste übernommen. Da war ich mit unterschiedlich kranken Menschen zusammen und konnte ihnen behilflich sein. Meine Arbeit wurde geschätzt. Das hat mir eine Aufgabe gegeben und aufgezeigt, dass ich mit meiner Hör-Einschränkung nicht allein bin.  Die Hektik auf Sursee’s Strassen und meine gesundheitlichen Probleme haben mich dann dazu geführt, dass ich das SOS Fahren aufgeben musste. Das Tragen der Geräte ist einfach eine Notwendigkeit, die ich akzeptieren muss.

 

Was war der Grund, dass du Mitglied beim Verein Pro Audito wurdest?

In der Surseer Woche habe ich ein Interview mit Paul Jehle gelesen und daraufhin ein Inserat im Wochenpass gelesen. Ein Hörtrainingskurs mit Lippenlesen wurde angeboten. Ich habe mich dann angemeldet aber nicht wegen mir selber. Hanny konnte nicht mehr gut sprechen, und ich habe mir vorgestellt, dass ich sie dann besser verstehen könnte. Das Lippenlesen fällt mir aber noch immer schwer. Das ärgert mich ein bisschen. Die Kursleiterinnen machen ihre Arbeit super gut. Sie akzeptieren die Kursteilnehmenden so, wie sie sind. Das ist eindrücklich. Aus diesem Grund unterstütze ich den Verein mit meiner Mitgliedschaft gern.

Du sagst, dass du den Verein unterstützest. Kommt da auch etwas für dich selber zurück?

Ja klar. Ich bin in einer Gemeinschaft, die sich für Menschen mit Hörproblemen einsetzt. Ich schätze das aktive Vereinsleben mit den vielfältigen Veranstaltungen. Der Zusammenhalt im Verein trägt dazu bei, dass man nicht allein ist. Das ist viel wert. Die sozialen Kontakte sind für mich eine Unterstützung. Albie, unsere Präsidentin ist so natürlich und hilfsbereit. Das gefällt mir.

 

Wenn du 3 Wörter hättest, um dich zu beschreiben, welche wären das? 

Hilfsbereit, verständnisvoll, selbstständig. Mein Traumberuf war einmal Koch. Ich habe früher am Wochenende eingekauft und gekocht. So konnte ich das ein wenig ausleben. Und ich habe meine Frau gepflegt, so lange es ging. 

Und ich kann auch impulsiv sein.

 

Wie zeigt sich dein Impulsiv Sein?

Wenn ich beispielsweise das Gefühl habe, ich werde nicht richtig behandelt, dann kann ich schon ausrufen. Vielleicht wird es dann ab und zu auch zu laut. Auch beim Diskutieren mit Kollegen kann das vorkommen. Es ist einfach meine Art, dass ich meine Meinung sage. Ich versuche meine Impulsivität im Griff zu haben. Es gelingt nicht immer. Gerechtigkeit ist mir einfach wichtig.

 

Was beschäftigt dich im Moment?

Finanziell gesehen ist die Situation von Hanny und mir eine Doppelbelastung. Die Heimkosten für meine Frau Hanny sind sehr hoch. Die Krankenkasse und die Stadt Sursee zahlen einen Teil davon. Trotz einer Pflegezusatzversicherung bleibt mir monatlich nebst meinen eigenen Miet- und Nebenkosten ein stattlicher Betrag zu berappen. Hanny und ich wurden so erzogen, dass man sich etwas erspart. Dass wir jetzt wie andere, die das nicht taten, behandelt werden, das ärgert mich schon etwas. Jetzt regelt unser Sohn die Finanzen. Da bin ich ihm dankbar und froh darüber. 

Item. Letzten Februar und im März hatte ich zwei Augenoperationen. Eine Schwellung unter der Netzhaut musste behandelt werden, um eine Erblindung zu vermeiden. Die Operation verlief nicht ganz erfolgreich. Später erfuhr ich, dass ich eine Verletzung der Hornhaut in einer der beiden Operationen erlitt. Obwohl ich verschiedene Nachuntersuchungen hatte, informierte mich niemand darüber. Erst in der Augenklinik im Kantonsspital Luzern wurde ich darauf aufmerksam gemacht. Das hat mich geärgert. Ja, es ist nun einfach so. Trotz der Operationen sehe ich nicht besser. Ich überlege mir, wo und mit wem ich die weitere Behandlung angehen soll. 

Ich habe auch einen Vorsorgeauftrag mit einer Patientenverfügung erarbeitet. Es ist mir wichtig, dass meine Kinder wissen, was ich in einem ernsten Krankheitsfall will und was nicht.

 

Was macht dir Freude?

Früher habe ich für den FC Sursee und den Turnverein Sursee für mindesten 10 Jahre Lottos mitorganisiert. Das hat mir gefallen. Da war mir wichtig, dass alles korrekt und ehrlich abläuft. Fussball ist noch immer eine grosse Freude für mich. Ich habe eine Saisonkarte für den FC Luzern und gehe, wenn es irgendwie möglich ist, zu jedem Spiel. 

Begegnungen mit lieben Menschen bedeuten mir viel. Hier im St. Martin lernst du auch die Angehörigen der Mitbewohner kennen und kommst mit ihnen ins Gespräch. Stirbt dann dieser Mitbewohner, endet auch der Kontakt zu den Angehörigen. Das ist das Schlimmste für mich. 

Kontakt mit Menschen ist für mich das Wichtigste. Und natürlich liebe ich das Diskutieren. Ich lese gern Zeitung und bin gern informiert. Ich will wissen, was um mich und in der Welt so passiert.

Tiere mag ich auch sehr gern. Hier im Alterszentrum St. Martin befindet sich ein Tierpark. Wellensittiche, Hasen, Hühner, Geissen und Ponys finden so zusammen. Speziell angetan bin ich von Büsi’s und kleinen Hunden. 

 

Item - kurzum

Walter hat über Jahre hinweg seine Frau Hanny mit grossem Engagement gepflegt. Dies führte für ihn persönlich und für seine Frau zu Verzicht und einem Sich-Bescheiden. Wo Walter sah, dass er Dinge nicht ändern konnte, hat er sie akzeptiert und versucht, das Beste daraus zu machen. Walter hat für Hanny, aber auch für seine ihm wichtigen Werte wie Respekt, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Anstand gekämpft. Dass ihm, nebst all seinen Aufgaben, das Gehör nicht viele Worte wert ist, versteht sich von selbst. Die Hörgeräte müssen einfach ihren-Dienst tun. Item – es gibt Wichtigeres.

Ich wünsche Walter, dass er jemanden findet, der ihn in seinem Entscheid über eine weitere Augenoperation begleitet und zur Seite steht. Ich wünsche ihm, dass das Gute, das er leistet, auf irgendeinem Weg zu ihm zurückfinden möge.