Jeannette Mielsch

Geb.: 20.04.1961

Kinder: 1 Tochter

Schulen: in Hohenrain

Ausbildung: Floristin

Interview von Ruth von Matt mit Jeannette Mielsch vom 25.01.2020

 

Jeannette, erzähl uns doch bitte von deinem Leben und wie das Hören und Nicht-Gut-Hören darin vorkommen.

Zur Schule ging ich ins Internat der Sonderschule Hohenrain. In den Sommerferien durfte ich heim und war jeweils überrascht, wenn ein kleiner, neugeborener Bruder da war und beim nächsten Mal ein zweiter. Wir sind 6 Kinder und zwei davon schwerhörig. Meine Hörbehinderung hat mich zu dieser Zeit nicht stark belastet. Ich war mir gar nicht richtig bewusst, dass ich schwerhörig war. Nach 9 Schuljahren absolvierte ich eine Lehre als Floristin. Erst da begann für mich eine schwierige Zeit. Wenn mich mein Lehrmeister zum Einkaufen schickte, verstand ich die Leute überhaupt nicht. Das schockierte mich. Da wurde mir bewusst: « Ah, so bist du nun». Ich hatte das Glück, dass mich mein ehemaliger Lehrer von Hohenrain besuchen kam. Er stellte fest, dass ich viel Gewicht verloren hatte. Früher war ich eher pummelig. Und jetzt war ich an der Grenze zur Magersucht. Sofort verstand mein Lehrer, dass mich das Arbeiten in der Welt der Hörenden und das Mundart Reden überforderte. Für mich tönte die Mundart wie englisch. Mir ging es da wirklich nicht gut, obwohl meine Kolleginnen und Kollegen immer auch in Hochdeutsch mit mir sprachen. Ich weiss nicht, was passiert wäre, wenn mein Lehrer nicht da gewesen wäre. Ich beendete die Lehre und hatte damals den Traum, im Service zu arbeiten. Die Mutter meines damaligen Freundes gab mir die Möglichkeit, in ihrem Restaurant zu schnuppern. Mir war da in keiner Weise bewusst, dass diese Arbeit für mich nicht möglich war. Und so entwickelte sich diese Woche schlimm. Nur schon der Lärm war unerträglich, und die Leute hatten keine Geduld. Obwohl die Wirtin mich sehr unterstützte, musste ich mir eingestehen, dass diese Arbeit für mich nicht geeignet war. Ich gab auf. Diese Erfahrung war einerseits schmerzhaft und andererseits auch lehrreich. Ich begann bei Elektronic Weber zu arbeiten und setzte dort Stecker zusammen. Das war sehr eintönig und die Arbeit gefiel mir nicht. Meinem damaligen Abteilungschef fiel das auf und er fragte mich, ob ich nicht in der Migros arbeiten wolle? Er half mir, mich zu bewerben und unterstützte mich sehr. Ich wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und erhielt die Stelle. Das Arbeiten dort war für mich therapeutisch. Bisher sprach ich hauptsächlich nur hochdeutsch, wie ich das von der Schule in Hohenrain so gewohnt war. Nun musste ich lernen, auch in Mundart zu reden. 

 

Wie unterstützte dich denn dein ehemaliger Lehrer?

Er setzte sich dafür ein, dass ich für 3 Wochen in Klosters ein spezielles Mundart Training absolvieren durfte. Das war sehr unterstützend, und ich setzte mir zum Ziel, mich auch daheim in Mundart unterhalten zu können. Dabei wurde ich wieder gut von meinen Kolleginnen und Kollegen unterstützt. In meiner Lehre wurde das Mundartsprechen nicht speziell gefördert. Ich wusste, dass ich das allein lernen muss, dranbleiben muss, um mich in der Welt der Hörenden zurecht zu finden. Ich arbeitete in verschiedenen Gegenden der Schweiz für die Migros und konnte immerhin für 24 Jahre in unterschiedlichen Abteilungen Erfahrungen sammeln. Ich habe dank diesem Lehrer eigentlich den Zugang zur Welt der Hörenden gefunden.

Und trotzdem war und ist es mir wichtig, den Kontakt zu den Gehörlosen beizubehalten. Das ist für mich so etwas wie Ferien. Da ist keine Anstrengung, keine grosse Konzentration, und das tut mir gut.

Später, als unsere Tochter in den Kindergarten ging, habe ich mit Reinigungsarbeiten begonnen. Ich arbeitete jetzt in der Zeit AG. Die sind dort alle sehr verständnisvoll mit uns Nichthörenden.

 

Du hast dir also einen Weg erkämpft, um in der Arbeitswelt integriert zu sein. Wie war denn das in deinem privaten Leben? Musstest du da auch kämpfen?

Ja und nein. 

Die ersten Beziehungen und Freundschaften waren auch wegen meiner Hörbehinderung nicht immer einfach.

Als ich Daniel kennen lernte war das anders. Unsere Kommunikation war klar und einfach. Ich wurde mit Noemi schwanger, und wir zügelten nach Oberkirch auf einen Bauernhof. Dort lebten wir für 6 Jahre. Ich war Mami und Hausfrau und arbeitete zwei Mal die Woche als Reinigungskraft. Um Noemi den Schulweg einfacher zu machen, zügelten wir dann ins Dorf Oberkirch. Sie ist gut hörend, war aber an unsere Gebärdensprache gewohnt. Sie war nicht so glücklich einfach nur mit Gehörlosen zusammen zu sein. Das verstanden wir gut. Es war für Noemi wichtig, dass sie ein Jahr früher in den Kindergarten durfte. Das bedeutete für uns etliche Gespräche und Überzeugungsarbeit. Noemi war dadurch mit ihren Schulgspänli in gutem Kontakt. Es ist uns wichtig, dass Noemi eine gute Zukunft hat.

Damals, als Noemi in der Schule war, standen wir Eltern vor der Herausforderung, Noemi in die Welt der Hörenden zu begleiten. Wir erklärten dem Schulleiter und den Lehrpersonen unsere Situation. Das war hilfreich. Es gab auch Zeiten, da verstand Noemi nicht, dass Daniel und ich uns in der Gebärdensprache unterhielten. Ich erklärte ihr, dass dies meine Muttersprache ist und ich das nicht aufgeben kann. Aber ich nahm ihren Wunsch nach Dazugehören, nach Nicht-Auffallen-Wollen ernst und als Herausforderung an, meine Sprache noch eingehender zu verbessern.

 

Wie war das als nicht gut hörendes Mami, ein Baby zu betreuen?

Ein spezielles Gerät, das ich überall gut sichtbar platzierte, reagierte mit einem visuellen Signal, wenn Noemi weinte oder nach uns rief. Ich denke aber auch, dass nicht-gut-Hörende zusätzlich ein spezielles Gespür für Gefahr entwickeln. Ich kann das nicht benennen. Mehrere Male erwachte ich, und Noemi war beispielsweise aus dem Bettchen geklettert. Oder vielleicht war es einfach der Mutterinstinkt, der mich aufwachen liess?

 

Konnte Noemi euer Anders Sein akzeptieren?

Ja, das denke ich. Sie spürte zwar, dass wir etwas anders als andere Eltern waren. Aber sie akzeptierte es und unterstützte uns. Einmal kam ein Telefon, und ich verstand nicht, was die Frau da erklärte. Ich meinte, dass es sich um ein Verkaufsgespräch handelte. Die Frau insistierte und da rief ich Noemi ans Telefon. Sie erklärte mir, dass die Frau von der Calida anrufe und dass ich schnuppern gehen dürfe. Noemi war da 5 Jahre alt. Sie war stolz, dass sie mir gut hat helfen können. Noemi verstand auch unsere Gebärdensprache sehr gut. Wir mussten immer warten, bis sie im Bett war, wenn wir etwas besprechen wollten.

In den letzten Schuljahren kam es auch vor, dass sie von der Schule nach Hause kam, in ein anderes Zimmer lief und genervt rief: «Mami, ich habe was gesagt.» Da wartete ich, bis sie zu mir kam und ich sagte: «Du weisst, dass ich nicht gut höre und das bleibt so. Wenn du willst, dass ich etwas verstehe, dann redest du zu mir «Gesicht zu Gesicht». Ich renne dir nicht nach. Das gibt es nicht bei uns.» Mir ist wichtig, dass Noemi lernt, Respekt vor den Eltern zu haben.

Es war auch nötig, dass Daniel und ich vereinbarten, uns bei Wünschen und Fragen von Noemi abzusprechen. So war in Erziehungsfragen die Gehörlosenberatungsstelle Luzern sehr hilfreich. Die sind spezialisiert für Beratungen von gehörlosen Eltern mit ihren Kindern oder Jugendlichen. Schwierigere Phasen traten speziell in der Pubertät auf. Ich bin Daniel immer wieder dankbar, wenn er mir sagt: « Du musst einfach loslassen». 

Als Noemi nicht sofort eine Lehrstelle erhielt, war uns wichtig, dass sie dranbleibt und nicht aufgibt. Sie hat, mit der Unterstützung ihres Papis, eine Lehre als Wildtierpflegerin im Kanton St. Gallen gefunden. Sie hat sich auf die Vorstellungsgespräche und das Schnuppern auch immer sehr gut vorbereitet. Wir sind sehr stolz auf sie. 

 

Was war der Grund, dass du Mitglied beim Verein pro audito sursee wurdest?

Ich bin Mitglied des Innerschweizer Gehörlosen und Sportvereins Luzern. Da begann ich dann, Verständigungskurse bei pro audito zu besuchen. Am Vereinsleben nahm ich aber nie teil. Vor 3 Jahren musste ich ein Cochlea Implantat einsetzen lassen. Diese Operation führt jeweils dazu, dass eine spezielle Sprachschulung nötig wird, damit man mit dem Implantat zurechtkommt. Anita Jäger, die ihre Lektionen in Nottwil anbietet, ermutigte mich, bei pro audito sursee mitzumachen. Nun bin ich soweit, dass ich mit hörenden Menschen, die eine Höreinschränkung haben, Verständigungskurse absolvieren kann. Die Mitgliedschaft bei pro audito sursee ermöglicht mir, die Kurse zu einem ermässigten Betrag zu besuchen.

 

Du machst einen Unterschied zwischen der Welt der Hörenden und der Welt der Nichthörenden? Wie und wo zeigt sich das?

Als Nichthörende bist du auf Blick- und Sichtkontakt angewiesen. Und zwar Gesicht zu Gesicht. Ich nahm auch schon an Ausflügen des Vereins pro audito sursee teil. Meistens sind hier ja Menschen mit einer Altersschwerhörigkeit. Aus Gewohnheit reden sie einfach schnell. Das überfordert mich dann. An der letzten GV, da waren wir zum ersten Mal dabei. Daniel, mein Mann, und ich schauten einander an und sagten: «Das ist so schwierig hier». Die Mimik spielt für uns Gehörlosen eine zentrale Verständigungsrolle. Hörende, auch jene mit Hörschwierigkeiten, drücken mit ihrer Mimik weniger aus, als Gehörlose. Ich entscheide mich eher, ob ich bei einem Anlass des pro audito sursee mitmache, wenn eine vertraute Person anwesend ist.

 

Was bedeutet für dich das Hören?

Hören ist Lebensqualität und Voraussetzung, dass man in der Familie, bei Kollegen und Kolleginnen und in Vereinen oder im Beruf auch gehört wird.

 

Wenn du 3 Wörter hättest, um dich zu beschreiben, welche wären das? 

Trotz meiner Schwerhörigkeit bin ich glücklich und dankbar, dass alles so gut herausgekommen ist. Sich durchzuschlagen und zu kämpfen, das gehört zu mir. Ich musste auch lernen, zu meiner Schwerhörigkeit zu stehen und zu sagen: «Schau mir bitte ins Gesicht und sprich langsam. Ich höre nicht gut.»

 

Was beschäftigt dich im Moment?

Noemi zügelt jetzt in die Nähe des Arbeitsplatzes in eine WG mit Freundinnen. Als Eltern möchte man ja, dass alles gut rauskommt, dass sie den Weg findet und glücklich wird. Da habe ich mir schon Sorgen gemacht. Auch da ist das Loslassen nicht einfach. Aber - ich werde das lernen.

 

Wo erhältst du Kraft und Zuversicht?

Rückzugsorte, wie draussen Sein in der Natur, geben mir Ruhe und Kraft. Es entspannt mich ebenso, wenn ich mit einer gehörlosen Kollegin zusammen bin. Ich lege mich auch gern hin, um auszuruhen. So erhole ich mich gut. Daniel und ich schauen auch gerne Filme zusammen an. Das ist gemütlich und bedeutet keine Anstrengung.

 

Wo sind heute deine Interessen und Wünsche?

Ich wünsche mir gute Gesundheit und dass ich in circa 5 Jahren mit Daniel meine Pension geniessen kann. Ich freue mich aufs Wandern und Ausflüge Machen.

 

Kämpferin mit Ausstrahlung

Jeannette besuchte ihre Schulzeit in einem geschützten Rahmen in Hohenrain und fühlte sich in der Welt der Gehörlosen geborgen. Die Gebärdensprache bezeichnet sie als Muttersprache. Jeannette findet im Zusammensein mit Gehörlosen Entspannung und ein Stück Heimat. Trotzdem spornt sie sich immer von Neuem an, sich in der Welt der Hörenden zurecht zu finden. Dieses Lernen-Wollen und der Wunsch dazuzugehören sind kräfteraubend und beglückend zugleich. Als Nichthörende sieht sich Jeannette immer wieder mit der Unsicherheit konfrontiert, ob sie alles mitbekommt und richtig verstanden hat. In Erziehungssituationen stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Ihr ehemaliger Lehrer und ihre heutige Sprachlehrerin sind für Jeannette Schlüsselpersonen, die sie verständnisvoll unterstützen und ermutigen. Jeannette hat sich über Jahre einen Platz in der Welt der Hörenden erkämpft. Ihre quirlige, herzliche Art hat ihr dabei Türen geöffnet und Helfer mobilisiert. Ich bin beeindruckt und berührt von ihrer Geschichte. Ich wünsche Jeannette, dass sich das Loslassen Können auch auf ihr Kämpfen auswirkt. Sie hat so viel erreicht. Hut ab!