Evelyne Kunz

Geb.: 21.03.1973

Schulen: Primar- und Sekundarschulen in Wolhusen

Ausbildung, Tätigkeit: Handelsschule, kaufmännische Angestellte

Interview von Ruth von Matt mit Evelyne Kunz vom 21.06.2020

 

Evelyne, erzähl uns doch bitte von deinem Leben und wie das Hören und Nicht-Gut-Hören darin vorkommen.

Ich bin das dritte Kind einer wirklich tollen, bodenständigen Familie. Meine Mutter stammt vom Entlebuch und mein Vater vom Napfgebiet. Die Natur spielt in meinem Leben eine zentrale Rolle. Früher mussten wir mit den Eltern unter Gezerre und Gekreische von uns Kindern auf Wanderungen gehen. Heute mache ich das freiwillig und unglaublich gern. Die Geräusche der Natur zu hören, ist für mich etwas Wunderbares. Auch zu sehen, was da alles kreucht und fleucht, das fasziniert mich. So kann ich stundenlang vor einem Mausloch sitzen und ausharren, bis sich die Maus zeigt und ich sie fotografieren kann. Da können Wanderer an mir vorbeiflitzen und ich denke: «Was die alles verpassen». Aber die sehen wahrscheinlich anderes, das sie interessiert. Auch das Spüren und Hören von Regen liebe ich ebenso.

Und auf der anderen Seite diskutiere ich gern, und es ist mir wichtig, dabei das Gegenüber zu betrachten. So erfahre ich viel mehr über diesen Menschen. Ich kann lustig und ernst sein. Ich bin jemand, der die 5 Sinne bewusst erlebt, und da danke ich jeden Tag dafür. All das macht mich zufrieden.

Ich habe meinen Job auch gern. In einem Schreinermontagegeschäft arbeite ich in der Disposition. Da dreht sich alles um Holz. Und wie das riecht – so fein.

 

Evelyne, wann und wie hast du bemerkt, dass sich dein Hörvermögen verändert hat?

Mit 38 Jahren bemerkte ich, dass ich nicht mehr alles gut höre. Spannend war, dass mein Geruchssinn in dieser Zeit zunahm. 

 

Denkst du, Evelyne, dass dein Geruchssinn die Hörverminderung ausgleichen will?

Davon bin ich überzeugt. Seit dem Kindergarten trage ich eine Brille. Es sind also zwei Sinne  eingeschränkt. Das führt dazu, dass ich meine Sinne besonders wertschätze. Eine Maus, einen Sonnenuntergang oder eine Gewitterwolke zu beobachten, den Wind auf der Haut zu spüren, das sind Momente, die ich bewusst und dankbar wahrnehme.  Und die genannten Sinnes-Einschränkungen empfinde ich nicht als ein Manko. Die gehören zu mir, die sind Teil von mir.

Mit der Hörverminderung ist es noch nicht soweit, dass ich Hörgeräte anpassen lassen müsste. Es geht noch ohne. Aber ich weiss schon, dass ich mit der Nachbarin nicht mehr über den Balkon hinweg plaudern kann. Auch müssen mein Mann und ich im selben Zimmer sein, damit ich ihn gut verstehe. Der Umgang mit einer Höreinschränkung setzt Respekt voraus. Gegenseitig. Wer etwas sagen oder hören will, ist bemüht, dies in Hörweite des anderen zu tun.

 

Hat die Hörverminderung dein Verhalten noch in anderen Teilen verändert? 

Ja sicher. Ich bin oft allein am Wandern. Und ich gehe nicht mehr in der Mitte des Weges. Ich höre Velofahrer nicht, wenn sie von hinten her angefahren kommen. Auch wenn sie rufen, sind sie im nächsten Moment schon da und ich erschrecke. So vermeide ich einen Zusammenstoss.

Auch bin ich den Menschen gegenüber aufmerksamer geworden. Beim Zuhören schaue ich ihnen bewusst ins Gesicht. Dieses «visuelle Hören» ist momentan durch die Coronasituation mit den Mundmasken stark eingeschränkt. So kann es vorkommen, dass ich mein Gegenüber bitte, deutlicher und lauter zu sprechen oder den Mundschutz wegzunehmen. Ja, das macht mir nichts aus. Meine Höreinschränkung empfinde ich nicht als Behinderung. Entweder mag man mich und bemüht sich, oder man lässt es sein.

Seit meiner Hörverminderung bin ich auch der Meinung, dass ich nicht mehr alles hören muss, nicht mehr bei allem dabei sein muss. Ich konzentriere mich auf das Wichtige. 

Ich höre auch nicht jeden Tag gleich gut. Dies hat mit meiner inneren Fitness zu tun. Wenn ich einen schlechten Tag habe, können meine Chefs mit mir reden und ich verstehe überhaupt nichts. Sie wissen von meinem Hörverlust und sind sehr verständnisvoll und geduldig. Das schätze ich sehr. Ich könnte ja auch einfach vorgeben, dass ich es verstanden habe und ihnen zunicken. Ich nicke nichts einfach ab. Das will ich nicht.

 

Was tust du in einer Gruppe von Leuten, die diskutieren und du verstehst kein Wort?

Ich schalte ab und bin ganz bei mir. Ich beobachte dann die Leute oder versuche mich im Lippenlesen. Nein, ich meide solche Situationen nicht. Mein Freundeskreis weiss um meine Hörbehinderung. Wenn ich bei einem Kurs beispielsweise nicht höre, dass ein Blatt abgegeben werden muss, berühren sie mich kurz, und ich habe verstanden.

 

Kannst du sagen, was der Grund für deine Höreinschränkung ist?

Vor 3 Jahren hatte ich eine doppelseitige Ohrenentzündung. Ich hörte zuerst nichts mehr, aber langsam kam das Hören wieder. Mässig zwar, aber immerhin. Seither ertrage ich keinen Wind an den Ohren. Den Wind aber habe ich sehr gern. Er ist bei meinen Tai Chi und Qi Gong Übungen in der Natur ein willkommener Begleiter. Ich trage nun auch im Sommer gern ein leichtes Tuch um den Kopf. So kann ich den Wind weiter spüren und die Ohren schmerzt es nicht. Ich übernachte ab und zu im Freien. Dann höre ich den Wind vom Berg runterkommen und spüre ihn Sekunden später auf meiner Wange.  Das ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl. 

 

Was bedeutet für dich das Hören?

Das Hören bedeutet mir sehr viel. Es sind die Zwischentöne, die feinen Unterschiede, die mich interessieren. Man kann ja einen Satz so oder so sagen. Diese Feinheiten zu hören, ist für mich wichtig. Mit der Hörverminderung wurde dieses Heraushören intensiver. Die Sensibilität, genauer hinzuhören, wurde verstärkt. Ich denke, wenn das Hörvermögen nachlässt, konzentriert und fokussiert man sich besser. Man will besser verstehen.

 

Was müsste passieren, damit du ein Hörgerät anpassen lassen würdest?

Nicht mehr viel. Ich muss einfach bereit dazu sein. Das ist der Knackpunkt. Wenn ich die Vögel nicht mehr hören könnte, dann wäre die Zeit gekommen. Und dann würde es mir auch nichts ausmachen, sie zu zeigen. Auch wenn ich kurze Haare habe. Das gehört dann einfach zu mir, wie die grauen Haare. Die habe ich seit ich 29 Jahre bin. Ich verspürte nie Lust, sie zu färben. Obwohl mich viele dazu überreden wollten.

 

Wie geht es dir mit dem Telefonieren?

Mühsam. Das habe ich schon immer weniger gern gemacht. In all meinen Jobs war dies so. Jobmässig habe ich immer wieder neu erfunden. Von Verkäuferin zur Versicherung, von der Versicherung zum Radio, vom Radio zum Fernsehen und jetzt im Büro dieser Schreinermontagewerkstatt. 

 

Was hast du im Fernsehen gemacht?

Im Spitalradio Luzern habe ich moderiert. Später arbeitete ich circa 5 Jahre beim Fernsehen Tele 1.  Da war ich für den Sendeablauf zuständig. Ich schaute, dass die Sendungen zusammenpassen und die Technik das Zusehen auch ermöglichte. Das war ein toller Job. Ich habe ihn sehr geliebt. Mein Mann ist Küchenchef und hatte aus diesem Grund ebenfalls unregelmässige Arbeitszeiten. Wir sahen uns kaum mehr. Mein Mann wurde krank und erlitt eine Depression. Ich entschied mich, meinen Traum mit dem Fernsehen aufzugegeben und es ist okay so. Ich bin dankbar für die gemachten Erfahrungen. Mein Mann und ich sind zufrieden und glücklich miteinander.

 

Was war der Grund, dass du Mitglied beim Verein Pro Audito wurdest?

Ich sah das Inserat für den Verständigungskurs im Wochenpass und dachte: «Das ist es». Es hat mich interessiert wie das Lormen, das ich früher gelernt habe. Auch die Zeichensprache finde ich faszinierend. So war es auch mit dem Lippenlesen.

 

Wenn du 3 Wörter hättest, um dich zu beschreiben, welche wären das? 

Positiv, zufrieden und glücklich. Glücklichsein ist für mich ein Prozess. Da arbeite ich daran und sehe Tai Chi und Qi Gong als ein Mittel für die innere und äussere Balance.

 

Haderst du mit irgendetwas?

Nein, ich wüsste nicht womit. Nein, ich habe mit nichts zu hadern.

 

Was beschäftigt dich im Moment?

Ich ärgere und sorge mich, dass Leute all ihren Abfall in der Natur liegen lassen und sie nicht schätzen. Ich verstehe nicht, dass man so achtlos sein kann. Jeder will kurz ein Selfie auf diesem Berg und jenem machen und lässt aber den Güsel oben. Das sind keine Naturmenschen für mich. So ist sogar auf dem Napf eine öffentliche Toilette geschlossen, weil sie als Abfallstelle benutzt wurde. Heute flitzt man schnell hier und dorthin ohne richtig da zu sein. Diese Respektlosigkeit beschäftigt mich. 

 

Was macht dir Freude?

Tausend Dinge. Grad vorhin habe ich einen Papi gesehen, der seinem Kind das Velofahren beibrachte. Das war herzerwärmend. Unzählige, alltägliche Sachen können mich freuen.

Letzthin haben mein Mann und ich die Treppe in den Keller neu mit Platten belegt. Die Arbeit ist keineswegs perfekt. Da und dort sind die Fugen unregelmässig. Aber wir haben es gemeinsam gemacht. Es ist unsere Geschichte. Das zählt.

Und dann natürlich das Wandern und in der Natur-Sein machen mich glücklich. Da mein Mann in seinem Beruf sehr beschäftigt ist, bin ich oft und gern allein unterwegs. So kann ich zu ihm nach -Eriswil bei Bern zu Fuss gehen und ihn im Geschäft besuchen. Es macht mir auch nichts aus, 10 Stunden allein unterwegs zu sein. Da kann ich meine Gedanken ordnen, die Natur beobachten und einfach mich selber sein. Ich bin freiheitsliebend und fühle mich nicht gerne eingeengt. Ich bin äusserst dankbar, dass ich dieses Leben habe.

 

Gibt es ein besonderes Erlebnis, das zu dieser Dankbarkeit und Zufriedenheit führte?

Meine Mutter sagt immer, ich sei schon als Kind so dankbar gewesen. Ich bin einfach ein positiv denkender Mensch. Klar kann es mir auch manchmal nicht gut gehen. Dann heule ich und lass es raus. Ich unterdrücke das nicht. Das gehört auch zum Leben.

Jetzt, wo ich so über alles erzählend nachdenke, sehe ich, dass mein früheres Erlebnis auch eine Rolle mit meiner Entwicklung gespielt haben könnte. Mit 28 Jahren erlitt ich einen Schlaganfall. Und dies war wohl der Start zu dieser Dankbarkeit. Aber ich merke, ich verdränge das oder es gehört ganz fest zu mir. Eine unentdeckte Thrombose führte dazu, dass das Sprachzentrum beeinträchtigt wurde und die rechte Körperseite ausstieg. Da ich heute auf der rechten Seite auch weniger höre, klärt man aktuell ab, ob dies als Spätfolge im Zusammenhang mit dem Schlaganfall zu sehen ist. Ausser meinem ab und zu schräg stehenden Mund bin ich vollständig genesen. So sehe ich das Erlebnis jetzt als Verstärkung meiner Zufriedenheit. Und seither bin ich der gesündeste Mensch. Ich rauche nicht mehr, esse gesund, bewege mich.

 

«Visuelles Hören»

Es fasziniert mich, Evelyne beim Erzählen zuzuhören. Es entstehen dabei Bilder. Man sieht Evelyne, sich aufmerksam in der Natur bewegen und sie mit allen Sinnen wahrnehmen. Evelynes selbstverständliche Art ist überzeugend. Mutig geht sie ihren Weg und lässt sich nicht beirren. Respekt ist ihr wichtigstes Gut. Erst gegen den Schluss des Gespräches erzählt sie fast beiläufig, dass sie mit 28 Jahren einen Schlaganfall erlitt, rechtseitig gelähmt war und nicht mehr sprechen konnte. Dann überlegt Evelyne, und erwähnt, dass dies wohl auch ein Grund für ihre Zufriedenheit ist. Sie erwähnt, dass ihr Wille, wieder sprechen zu können, gross und erfolgreich war. Obwohl dieses Ereignis einschneidend und wegweisend für Evelyne war, ist es ein Teil von ihr geworden und sie vergisst das Geschehene. Evelyne ist eine Frau, die wirklich im Jetzt zu leben versteht. Dafür setzt sie all ihre Sinne ein, ist dankbar und hat ein feines Gespür für Zwischentöne und Leises entwickelt. Ich wünsche ihr, dass ihre Zufriedenheit sie weiter begleiten möge und Vorbild für viele sein darf.