Ruth Roos-Felber

Geb. 1953

3 Kinder, 1 Grosskind

Schulen ins Geuensee und Sursee

Lehre als Damenschneiderin

pensioniert

Interview mit Ruth Roos-Felber vom 21.05.2019

 

Ruth, wann und wie hast du bemerkt, dass sich dein Hörvermögen verändert hat?

Das erste Mal, als es mir auffiel, war, als ich meine Zwillinge geboren hatte. Als ich da im Spital war, besuchten mich die Gspänlis vom Turnverein, redeten, lachten. Ich fühlte mich dabei so einsam, wie nie zuvor. Ich hörte, dass sie sprachen, aber verstanden habe ich nichts. Das hat mich so getroffen, dass ich weinen musste. Ich war da 30 Jahre alt.

Auch wenn wir unsere Familientreffen hatten, wenn alle durcheinanderredeten, dann hatte ich Mühe. Dann musste ich mich auf eine Person konzentrieren. Zwei Gespräche parallel zu verfolgen, das ging nicht. Gut hörte ich, wenn ein Mann mit einer Bassstimme mit mir sprach. Hohe Frauenstimmen waren mit dem Älterwerden für mich noch schwieriger zu verstehen.

Als dann meine Kinder ungeduldig wurden, wenn ich wieder «He«? sagte, war das für mich eine Bestärkung, etwas zu unternehmen.

Oder wenn ich den Fernseher immer lauter stellen musste, oder Leute nicht verstand oder gar missverstand, waren diese Situationen Ansporn, einen Hörakustiker aufzusuchen.

 

Was hast du dann unternommen?

Ich bin dann zu verschiedenen Spezialisten gegangen. Der eine erklärte mir alles und sagte mir, dass ich ein «Sprachtubel» sei. Das kenne er von seiner Frau auch. Wenn sie zusammen Zug fahren würden, dann könnten sie nicht zusammen reden, weil seine Frau dann nichts verstehe. Er hat mir erklärt, dass es mit den zwei Gehirnhälften zu tun habe. Dass meine linke Gehirnhälfte beeinträchtigt sei. Das habe ich gut verstanden.

 

Welches Wort hat dieser Spezialist als Erklärung gebraucht?

«Sprachtubel». Er meinte es nicht böse. Er erklärte mir, dass dies mit den beiden Hirnhälften etwas zu tun habe. Wenn viel gesprochen wird oder es laut ist, kann ich dies nicht mehr filtern. Ich höre, aber ich verstehe es nicht. Der Spezialist meinte es eigentlich gut mit mir, ich habe ihm das nicht übel genommen.

Mit dem Hörverständnis wurde es nicht besser, und so vor ungefähr 10 Jahren habe ich dann die ersten Hörgeräte anpassen lassen.

Ein Grund meiner Hörschwierigkeiten lag wohl auch daran, dass wir zu Hause eine Zimmerei hatten. Sei es beim Hobeln oder anderen Arbeiten, da hat man zu dieser Zeit keinen Ohrschutz getragen. Und die Maschinen waren lauter als heute. Auch einmal an einem Schützenfest habe ich ohne Ohrschutz gewarnt. Vermutlich habe ich davon den Tinnitus.

 

Du sagst, Ruth, dass du mit 30 bemerkt hast, dass du nicht gut hörst und dass du vor cirka 10 Jahren die ersten Hörgeräte bekommen hast. Verstehe ich das richtig? Hast du 20 Jahre lang diese Hörbeeinträchtigung einfach erduldet?

Ja, das ist so. Ich wusste nicht, was ich machen könnte. In normalen Gesprächen hatte ich ja keine Probleme. Aber in Gesellschaft mit anderen Leuten, das war schwierig. Und es ist auch mit den Hörgeräten noch immer nicht ganz gut. Aus diesem Grund sind die Lippenlesekurse des Vereins Pro Audito so hilfreich.

 

Ruth, was bedeutet denn für dich das Hören?

Das Hören heisst für mich, dass ich nicht vereinsame. Ich sehe dies auch bei meinem Hund. Er hört nicht mehr gut und wenn ich ihn allein lassen muss, bellt er.

Mein Schwager, der ein Cochlea Implantat von Kindheit an trägt und am anderen Ohr nach einem Arbeitsunfall auch nicht mehr gut hört, wollte nirgendwo hin mehr gehen. Dazu kam bei ihm die Angst, dass er etwas nicht mehr hören könnte. Er hat immer die Tür abgeschlossen. Er war froh, wenn mein Hund bei ihm zu Besuch war. Sein Bellen zeigte ihm, dass jemand in der Nähe war.

 

Kennst du selber auch Ängste, die mit deiner Hörverminderung zu tun haben?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin auch noch recht gut zwäg.

 

Hat deine Hörverminderung dein Verhalten verändert.

Nein, aber ich verstehe oft etwas falsch. So es kann zu Missverständnissen führen.

 

Erzähl doch bitte so eine Begebenheit.

Einmal war ich mit meiner Tochter im Dorf beim Einkaufen. Der Regen und die Autos waren laut. Da fragte mich meine Tochter, ob ich nicht wieder einen Freund haben möchte. Und ich antwortete. «Welchen Grümpel»? Das ist in unserer Familie nun zum geflügelten Wort geworden. Ich werde ab und zu nach dem «Grümpel» gefragt, wie es nun damit sei etc.

Wenn mich etwas interessiert, dann mache ich das auch mit meiner Höreinschränkung. So gehe ich gerne in Konzerte. Besonders gut gefällt mir ein Konzert des Jodelklubs in der Kirche. Dort tönt es besonders schön. Aber es hilft schon, wenn jemand den Anstoss gibt oder mitkommt. Sonst habe ich für mich schnell eine Entschuldigung parat. «Du bist ja eh müde, bleib doch lieber zu Hause», sage ich mir dann. Ich bin nicht so die Person, die von sich aus auf Leute zugeht oder einfach so etwas unternimmt.

Bei so einem Konzert habe ich dann erfahren, was es eigentlich heisst, wieder besser zu hören. Vorher war alles irgendwie «durchwattet». Die Stimmen sind jetzt klarer.

Bevor ich die Hörgeräte hatte, war das Hören eine grosse Anstrengung, die mich ermüdete. Wollte ich etwas sagen, dann wurde ich oft unterbrochen oder man redete weiter. So schweifte ich mitten im Gespräch mit meinen Gedanken ab und sagte nichts mehr. Das ist grössten Teils noch immer so. Zu Hause haben wir das nie gelernt, das Diskutieren. Und das fehlt mir irgendwie.

Und so habe ich mich mit der Zeit an die Rolle der Zuhörenden gewohnt, bin gern dabei ohne viel zu sagen. Wenn ich mit Leuten zusammen bin, die viel reden, dann kommt mir das entgegen.

 

Was sind deine Erfahrungen mit dem Verein Pro Audito?

Besonders schätze ich den Lippenlesekurs. Bald nach dem 1. Kurs, den ich machte, hatten wir die GV des Turnvereins. Wir sassen da etwa zu sechst an diversen runden Tischen. Weil ich alle Gesichter sah und nun wusste, worauf es ankommt, konnte ich allen Gesprächen folgen. Auch die Mimik hilft zu verstehen. Die Kursleiterinnen machen uns schon darauf aufmerksam, dass man dieselben Dinge unterschiedlich sagen kann und woran man dies sieht. Gut finde ich, dass sie den Verständigungskurs auch am Abend anbieten. Für berufstätige Menschen ist dies enorm hilfreich.

 

Was würdest du jemandem empfehlen, der eine beginnende Höreinschränkung bemerkt?

Nicht zuwarten und einen Hörakustiker aufsuchen - das würde ich empfehlen. Und der Verein Pro Audito gibt auch immer gute Tipps.

Wie lange bist du schon Mitglied von Pro Audito?

Schon ewige Jahre. Herr Fleischlin kam zu dieser Zeit noch persönlich vorbei, um den Mitgliederbeitrag einzuziehen. Ich sagte jeweils: «Also zahlen tu ich, will aber damit nichts zu tun haben.“

Was war der Grund, dass du mit dem Verein nichts zu tun haben wolltest?

Ich wollte ja nicht schwerhörig sein. Dazumal hiess der Verein noch Schwerhörigenverein.

 

Wo sind heute deine Interessen und Wünsche?

So einen Tagesauflug mit der Tageskarte, das würde ich schon noch gerne machen. Mit dem Zug durch die Gegend fahren, mal hier und mal da aussteigen, einen Kaffee trinken, ein Dessert geniessen. Ja, das wär schon noch was.

Schon zweimal bin ich allein zu einer Kollegin in die Steiermark mit dem Zug gefahren. Das ging ganz gut. Nur den Nachtzug würde ich nicht mehr nehmen. Da war es mir mit meinem einzigen Gegenüber im Abteil nicht sehr wohl. Ich hatte einfach ein komisches Gefühl.  Am Morgen hat er mir scharfe Chips und Bier zum Morgenessen angeboten. Lächelnd habe ich abgelehnt.

Was mich noch interessieren würde, wäre, die Gebärdensprache zu erlernen. Das fasziniert mich. Mona Vetsch war doch letzthin, ich habe die Sendung gesehen, bei Schwerst-Hörbehinderten. Am Schluss hat sie auch etwas in der Gebärdensprache mitgeteilt. Sie gefällt mir, wie sie sich in verschiedene Situationen geben kann, auf Leute zugehen kann und so offen ist. Das möchte ich auch können. Das wäre mein Traum.

 

Wenn du 3 Wörter hättest, um dich zu beschreiben, welche wären das?

Ach das ist schwer. Ich habe noch so darüber nachgedacht. Also: fröhlich, positiv denkend, zufrieden

 

Sprachtubel?

Ruth Roos erzählt ihre Geschichte ruhig und bedacht. Sie erwähnt, dass ihre Hörbeeinträchtigung sie nicht übermässig störte, solange sie sich nicht in grösserer Gesellschaft befand. Sie hat sich, verstärkt durch das Nicht-mehr gut Hören, mit der Rolle der Zuhörenden begnügt. Ihre introvertierte Seite wurde durch die Hörverminderung noch verstärkt.

Gestört hat mich die Aussage des Arztes, Ruth sei ein Sprachtubel. Ob dies einfach mit der damaligen Zeit zu entschuldigen ist, sei dahingestellt. Bescheiden wie Ruth ist, nimmt sie dies dem Arzt nicht übel.

Rut erzählt, dass ihr das Diskutieren, die Kommunikation fehlt. Es wäre ihr Traum, wie Mona Vetsch, unbeschwert auf Leute zuzugehen und sich in neue Situationen einzugeben. Ruth tut dies auf ihre Weise. Sie rafft sich auf, zu eigentlich geliebten Konzerten zu gehen, auch wenn sie keine Begleitung hat. Sie reist in die Steiermark, begibt sich in neue Situationen und schätzt die, auf sie zugeschnittene, Kommunikation bei den Verständigungskursen des Vereins Pro Audito. Ruth tut aktiv etwas gegen die Vereinsamung. Von Sprachtubel kann in keiner Art und Weise die Rede sein.

 

So wünsche ich mir für Ruth jemand, der ihr zuhört und sie zum Reden und Diskutieren anregt.