Klaus Röllin

Lebenslauf Klaus Röllin /Kurzfassung

 

Klaus Röllin, geb. 1941, war von 1993 bis 2004 Geschäftsführer der Kinderhilfe Bethlehem mit Sitz in

Luzern. Zuvor war er Chefredaktor der Tageszeitung „ Vaterland" und nach der Fusion mit dem

„Luzerner Tagblatt" auch Chefredaktor der „Luzerner Zeitung". Er war neben der beruflichen

Tätigkeit während vielen Jahren in der kirchlichen Medienarbeit aktiv und engagierte sich in sozialen

und kulturellen Institutionen. Den Verein „Pro Audito Region Sursee" präsidierte er während zehn

Jahren. Seine Studien absolvierte Röllin 1961 bis 1967 in Freiburg i.Br. und Fribourg (Philosophie) und

in Luzern und Tübingen (Theologie). Zu seinen akademischen Lehrern gehörten in Tübingen Hans

Küng, Josef Ratzinger und Herbert Haag.

 

Nach der Pensionierung schrieb Röllin eine Kurzbiografie über P. Ernst Schnydrig MS. Der Walliser

Schnydrig und die Entlebucherin Hedwig Vetter waren die massgeblichen Kräfte für den Aufbau des

Kinderspitals in Bethlehem. Die biografische Skizze über Schnydrig trägt den Titel „Das Herz muss

Hände haben/The Hearth must have Hands". Derzeit arbeitet Klaus Röllin an einem Buch über

Beerdigungsorte und -riten im Luzerner Mittelland von 1800 bis 1980.

 

Klaus Röllin ist verheiratet mit Annemarie, geb. Stadelmann und Vater von drei erwachsenen

Kindern. Er wohnt in Sursee.

(14. 1. 2019/KR)

 


Interview von Ruth von Matt mit Klaus Röllin

03.12.2018

 

Klaus, wann und wie hast du bemerkt, dass dein Hörvermögen abgenommen hat?

Mit sechzig habe ich bemerkt, dass ich nicht mehr so gut höre. Meine Frau und meine Angehörigen haben mich darauf aufmerksam gemacht: «Du reagierst nicht mehr so wie vorher. Du gibst nicht sofort Antwort oder du hörst etwas nicht. Das musst du untersuchen lassen». Diese Untersuchung hat dann ergeben, dass ich Hörgeräte benötige. Dies bereitete mir keine Mühe. Ich sagte mir: «Wenn du nicht so gut siehst und eine Brille benötigst, dann ist das keine Beeinträchtigung im Sinne von: «Da wirkst du alt oder da schaust du dumm aus, da bist du nur eine halbe Portion». Die Hörgeräte gehörten einfach dazu.

 

Wie hat die Hörbeeinträchtigung deine Arbeit beeinflusst?

Ich war damals Geschäftsführer der Kinderhilfe Bethlehem, und es war mir wichtig, dass ich meine berufliche Arbeit bis zur Pensionierung gut weiterführen konnte. Diese Arbeit war mit vielen Reisen verbunden, und man musste sich in Französisch oder Englisch unterhalten können. Ich habe mit Menschen gesprochen, die meistens auch nicht so gut Englisch sprachen. Das heisst, wenn ich mit ihnen sprach, habe ich nicht nur aufgrund des Hörens gefragt: «Haben wir uns richtig verstanden»? Auch sprachliche Mängel mussten geklärt werden.

Ich war in meiner Arbeit mit verschiedensten Sprech- und Hörsituationen konfrontiert: Einzelgespräche, Telefonate, Gruppensitzungen, Referate in kleinen und grossen Sälen, die teils auch um Fragestellungen aus dem Publikum ergänzt wurden. Bei Fragestellungen aus dem Publikum bemerkte ich meine Hörverminderung am Stärksten. Ich musste jeweils mit dem Mikrofon den Leuten entgegen gehen und musste das Podium verlassen. Dass ich nicht mehr so gut hörte, das sahen nun die andern auch. Diese spezifische Situation hielt mich aber nicht davon ab, Referate zu halten

Ich habe gelernt, den Leuten klar zu sagen, wo ich bei Sitzungen sitze. «Ich höre nicht gut, dies ist der beste Platz für mich. Da möchte ich sitzen». Ich habe das klar artikuliert.

Bei Sitzungen habe ich verhindern müssen, dass alle miteinander reden. Ich habe dann gefragt: «Was hast du dazu zu sagen? Hast du verstanden, was wir eben gesagt haben?» Die Situation, wenn Leute gleichzeitig miteinander reden, ist für Hörbehinderte fast nicht zu bewältigen.

Auch Rückfragen sind wichtig. Wenn du mit jemandem diskutierst und man hat etwas abgemacht und war unsicher, wie er das wohl gemeint hat, dann war das Nachfragen sehr hilfreich. Das benötigte ich oft bei englischsprechenden Arabern. Die sprechen so ein Küchenenglisch, wo man der Spur nachgehen musste, was das Gegenüber wohl damit gemeint hat. Es besteht da die Tendenz, sich diffus und sich nicht auf den Punkt zu äussern und keine klaren Aussagen zu machen. Rückfragen brachten da Sicherheit.

 

Das Von-den-Lippen-Lesen habe ich ebenso gelernt. Allein durch das Lippenlesen verstehe ich nicht alles. Es ist eine Unterstützung geworden im Sinne einer Rückversicherung. Ich spürte auch, dass ich dies den Gegenübersitzenden auch sagen musste. Wenn ich beispielsweise einer Frau gegenübersass, erklärte ich: «Bitte erschrecken sie nicht, ich schaue sie an. Ich schaue ihnen auf den Mund». Meine Erfahrung war, dass die Frau irritiert war, wenn ich es nicht sagte.

 

Aus deinen Ausführungen höre ich, dass du dich klar ausdrückst und sagst, dass du eine Hörbehinderung hast, so oder so sitzen willst. Dass du bei Frauen klar sagst: «Ich seh ihnen jetzt auf den Mund.» Was hat dies für eine Bewandtnis?

Die damalige arabische Arbeitswelt spielte hier wohl auch eine Rolle. Es gab nie eine Sitzung mit einer Frau hinter geschlossener Tür. Die Regel galt, dass man bei Gesprächen zu zweit die Tür offenliess.

 

Bei all deinen Begegnungen, Referaten im Ausland, Sitzungen etc., hat man respektiert, dass du eine Hörbehinderung hast?

Ich hätte nie etwas anderes bemerkt. Nein, das war kein Thema. In Israel und Palästina gibt es viele Menschen, die nicht gut hören. Da war es mir jeweils wichtig, mich mit ihnen gut zu verständigen. Entweder mit Sprache oder etwas anderem. Sprache ist ja nur ein Mittel.

 

Du sagst, dass nebst der Sprache noch andere Aspekte eine Rolle für die Verständigung mitspielten. Meinst du damit Mimik und Gestik? Und wie gingst du mit den kulturell unterschiedlich geprägten Ausdrucksformen und Gesten um?

Ich rede jetzt von der Vergangenheit. Das war nicht immer einfach. Wobei es weniger eine Frage der Gestik oder des Sich-Bewegens war, sondern es ging darum zu verstehen, was die Leute sagten und was sie nicht sagten. Ich musste damals lernen, dass der arabische Mensch in Palästina Ironie schlecht versteht. Über etwas Witze machen, das lag nicht drin. Diese Leute kennen Ironie nicht. Das mag mit der bedrückenden Lebenslage zu tun haben, in welcher sich diese Generation befand. Und etwas anders: Ich musste lernen, dass eins und eins heute zwei gibt und dass eins und eins morgen drei ergibt.

 

Bitte erklär mir das.

Ja. Man nimmt eine Position ein, diskutiert etwas, man vereinbart zusammen eine Lösung, «Das machen wir künftig so und so». Und du denkst, okay, so ist es in Ordnung:  eins und eins gibt zwei. Morgen kommt dein Gesprächspartner ans Gespräch, reisst dasselbe Thema wieder auf und war damit gestern unzufrieden. Gesagt hat er es jedoch nicht. Er sucht nun eine andere Lösung. Und du siehst, eins und eins ergibt drei. Es ist ihre Art, ein Ergebnis so lange zu drehen, bis es den eigenen Vorstellungen entspricht. Und nicht, wie man es vereinbart hat. Das ist eine kulturelle Angelegenheit.

 

Wie gingst du um in Verhandlungen mit Situationen, in denen plötzlich eins und eins drei ergaben?

Da gibt es eine schöne Formel. Im Sinne von: «Wir lassen das mal stehen und kommen wieder darauf zurück». «Let’s wait and see.» oder «Let’s think about it.», das war unsere Reaktion. Das war spannend und auch hilfreich. Für diese Menschen stimmt es, dass in gewissen Situationen eins und eins drei ergeben. Dann nützen meine Mathematikkenntnisse wenig. Und ich füge an, dass die arabische und israelische Gesellschaft genau so funktionieren. Es sind Brüder oder Cousins. Die denken und verhalten sich ebenso in solchen Situationen.

 

Welche Hörsituationen im privaten Umfeld haben ein Umdenken erfordert?

Trage ich mal zu Hause die Hörgeräte nicht, hat es meine Frau nicht gern, Dinge zweimal sagen zu müssen. Das belastet auch die Angehörigen und ist für sie sehr unangenehm. Es ist lästig für die Umgebung, wenn man nicht gut hört und nichts dagegen unternimmt. Mit dem Nicht-gut Hören bin ich nicht nur für mich allein da. Also für mich allein am Schreibtisch ist das Gehör nicht das grosse Problem. Sondern in sozialen Kontakten, für die Umgebung ist das was anderes.

Als unsere Kinder noch zur Schule gingen waren sie nicht betroffen von meiner Hörbehinderung. Ich konnte mich mit ihnen normal verständigen. Sie hatten keinen hörbehinderten Vater. Erst der Grossvater ist nun hörbehindert. Und die Grosskinder wissen das. Dann sag ich: »Komm näher». Oder ich spreche frontal. Dann sage ich:» Weisst du, wenn ich so mit dir rede, ist das für mich die beste Position».

Auch ein Apéro - beispielswiese im St. Urban Hof im Äbtesaal - ist für mich eine Herausforderung. Da kann ich auch zu einem Freund sagen: «Franz, vergiss es. Hier geht es nicht.» Es ist hilfreich, auch in diesen Situationen zu sagen, dass man schlecht hört. Dann weiss dein Gegenüber, weshalb du nun still bist und nicht mitdiskutierst. Sonst besteht die Gefahr von Missverständnissen. Wenn ich nicht reagiere, weiss mein Gegenüber nicht, ob ich jetzt sauer bin oder müde oder sonst was. Weil ich in der Regel jemand bin, der redet, dann habe ich das Gefühl, dass ich mich erklären muss, wenn ich es nicht tue.

 

Früher hatte ich beim Singen nie Schwierigkeiten. Als ich nach der Pensionierung zurück nach Sursee kam, dachte ich, es wäre sinnvoll, dem Männerchor Sursee beizutreten. Da ging ich einmal zu einer Probe. Ich war gespannt, ob das Gehör dies gut mitmachen würde. Ich habe aber festgestellt, dass ich nicht zu singen getraute. Als Student und Schüler habe ich ohne Probleme gesungen. Und jetzt in dieser Situation habe ich dem eigenen Gehör nicht getraut. «Höre ich mich richtig»? war mein Gedanke. Ich ging dann nicht zum Männerchor.

Vor einem Jahr versuchte ich es mit dem Seniorenchor. Und es war ein absoluter Erfolg. Für mich ist das Gesellschaftliche sehr wichtig. Jede Woche mit andern zusammen zu kommen, etwas zu tun und nach der Probe einen Kaffee zu trinken und über Gott und die Welt zu reden - dieser Termin ist mir «heilig» geworden. Mir tuts gut. Ich hätte nie gedacht, dass mich das auch entspannt. So ist der Chor ein wenig wie eine Insel für mich.

 

Du erzählst, dass Singen für dich früher kein Problem war. Und dann war dies im üblichen Rahmen nicht mehr möglich. Trotzdem sagst du: «Ich fühle mich nicht behindert.» Heisst dies, dass du die Realität annimmst und schaust, was machbar ist oder bist du einfach ein Optimist?

Das ist gar nicht einfach zu beantworten. Nein, ich habe es eingebaut – ich habe die Hörbehinderung eingebaut. Ich kann es nur so sagen. Wenn ich humpeln muss, dann laufe ich auch, wenn ich humpeln muss. Es hat etwas mit dem Annehmen zu tun, wie es ist. Und es hat etwas zu tun mit Einsicht. Es ändert sich nichts, wenn ich hadere. Meine Einstellung zu dieser Behinderung macht es aus, ob es eine Behinderung für mich ist oder nicht. Und nicht die objektiven Messungen des Arztes.

Ich mache auch nicht den «Doktor» mit dem Akustiker. Ich nehme es eher so wie es kommt. Es gibt Leute, die ständig zum Akustiker gehen: «Hier ist ein Rauschen, dort höre ich nicht gut». Ich weiss, dass der Akustiker dann Abhilfe schaffen sollte. Es gelingt aber nicht immer. Ich musste letzthin die Geräte neu einstellen. Zu Beginn hatte ich das Gefühl beim Abwaschen, dass das Geschirr scheppert. Das ging so um die 2-3 Tage. Ich denke, dass es nicht nur das Scheppern ist, sondern wie ich es wahrnehme, mich daran gewöhnen kann. Ich gehe zum Akustiker, wenn es dann wirklich nötig ist. Diese Frage hat auch etwas mit der Grundhaltung zum Leben zu tun. Ob man eher optimistisch an die Sache ran geht und eher ja sagen kann zu dem, was ist. Aber eben: Es ist nicht einfach, der eine Mensch ist so und der andere anders.

Es war für mich auch kein Problem, im Verein Pro Audito mitzumachen, als ich für das Präsidium angefragt wurde. Pro Audito ist kein Verein von Fachleuten. Pro Audito ist ein Verein von Betroffenen. Ich halte es für wertvoll, dass ein Verein gemeinsame Anlässe für Hörbetroffene macht. Sei das ein Jassnachmittag, oder «Ich weiss nicht was». Diese Anlässe sind wichtig.

 

Klaus, ich bedanke mich sehr für deine Hörgeschichten und dass du uns einen Einblick ermöglicht hast, wie du mit deiner Höreinschränkung umgehst

 

«Ich fühle mich nicht als halbe Portion».

 

Wenn ich Klaus zuhöre, fallen mir einige Parallelen zwischen seinem Hören und seiner früheren Arbeit auf.

Als die Hörbehinderung für Klaus manifest wurde, plante er sie in sein Leben mit ein. Klaus haderte nicht. Die Behinderung gehörte fortan dazu, wie auch der Umgang mit den kulturellen Unterschieden seiner Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen. Er versuchte die Höreinschränkung einzubauen, vorausschauend Situationen und mögliche Entwicklungen zu antizipieren und sich in Gesprächen so zu positionieren, dass er die für ihn bestmöglichste Ausgangslage zum Hören und Verstehen hatte.

Hören und Verstehen sind für Klaus zentral. In seinen Verhandlungen waren beides gefragt und setzten geistige Beweglichkeit und Einfühlungsvermögen voraus. Und – Geduld war gefragt. Sein selbstverständliches Tun und sein Mut liessen Klaus in arabische Welten reisen, zu Zeiten, wo dies nicht alltäglich war. Klaus fand sich in unterschiedlichen Situationen gut zurecht und war oft mit Neuem konfrontiert.

Zurück in Sursee, waren ihm diese Fähigkeiten hilfreich. Klaus stellte sich vor, im Männerchor mitzuwirken. Als er dann mit seinem Gehör an Grenzen stiess, und als für ihn im übertragenen Sinn «eins und eins drei ergaben», verlangte dies von Klaus ein Umdenken. Nie hat er über seine Höreinschränkung geklagt. «Lets think about it» war auch hier seine Devise. Wie in früheren Arbeitssituationen hat Klaus auch beim Singen seine Möglichkeiten ausgelotet und das Beste daraus gemacht.

Nein, Klaus fühlt sich mit seiner Höreinschränkung nicht als halbe Portion.